ICH SEH, ICH SEH

... an manchen Herbsttagen gar nichts oder sehr viel Grau. Nebel eben, wie wir ihn in der Volksschule dem November zuordneten.

In meiner Höhen-Lage sind es erfreulicherweise gezählte Tage, in denen sich die Sicht diesig zeigt. Meist schaue ich, sonnenbeschienen, auf die Nebelschwaden hinunter.

In der ersten November-Woche dieses Jahres stand ich trotz aller Höhenmeter selbst im Nebel - eben noch dabei, mich auf neue Maßnahmen einzupendeln, Veranstaltungsabsagen entgegen zu nehmen, Alternativen zu entwickeln ...

fallen Schüsse, geplant. Und mein Blick wird abrupt diesseitig, kurzsichtig, flachatmig.

Wann haben Sie Ihr Haupt wieder gehoben?

 

Wohin?

Ich fühlte mich orientierungs- und haltlos.

Wie denken, handeln in solch einer Situation? Wohin können wir den Blick werfen? Wer fängt ihn auf, lenkt Optionen aus der Angst heraus hin zu einer lebenswerten Perspektive? Was ist nicht einfach lapidar dahingesagt, sondern wirklich tröstend, tragfähig?

Und schon auferstehen die Altvorderen, erinnern an ihr Schicksal und ihren Weg:

Nelson Mandela, Viktor E. Frankl, Franziska Jägerstätter, Rosa Parks

Sie haben das Grauen erlebt und den Himmel gesehen.

 

'Ich seh, ich seh, was du nicht siehst - und das ist ...' Im Spiel suchen wir am besten beiläufig unser Objekt. Niemand soll es sofort erraten. Wir selbst wissen ganz genau Bescheid um die Beschaffenheit, den Ort, die Farbe. Es existiert, wonach nun alle suchen. Ein Spiel ohne Ende. Immer neu lassen sich Dinge entdecken, die bis dahin niemand gesehen hat.

Was haben sie gesehen, die berühmten und namenlosen Mandelas, Frankls, Jägerstätters, Parks? Was sollten wir, ihrem Vorbild nach, suchen?

 

Soll ich mich wenden?

Gewalt, Hass, Angst gehen meist den Weg des geringeren Widerstandes. Wer sein eigenes Leben daraufhin durchforstet, kennt das damit erreichte Ergebnis. Doch:

Wollen wir dorthin?

Welche Haltung scheint uns daran erstrebenswert: Jetzt-Erst-Recht, Gerechtigkeit, Vergeltung?

'Aber wir können uns doch nicht alles ...' Stimmt! Und:

Ein rechtsfreier Raum, in dem alles erlaubt sein soll, ist nicht die Alternative, die ich meine!

 

Stellen Sie sich vor, sie stehen mit dem Auto vor einer Wand und wollen vorwärts kommen.

Steigen Sie auf' s Gaspedal, nur um Recht zu behalten, um nicht die Richtung ändern zu müssen?

Ich habe nur ein Auto zur Verfügung - mit einem funktionierenden Retourgang.

Ich bekam auch nur ein Leben geschenkt.

Und Sie?

Wir sind also schon zwei oder noch mehr! Wollen wir uns wenden? Hin zu:

... durchatmen, bevor der nächste Terror meine Zunge verlässt

... zum gegebenen Zeitpunkt den Staub von den Füßen streifen und weiter gehen - den Giftpfeil

besser wieder in den Köcher stecken - dafür eine Blume ins Einschussloch pflanzen

... liebender, offenherziger Begegnung eine Chance geben?

 

Das Heil der Welt wird deshalb nicht ausbrechen.

Aber wir haben das Unheil nicht vermehrt.

'Immer versehrter und immer heiler' gehen wir so durch die Welt, weiß Hilde Domin,

und hinterlassen Perspektiven.

 

Spielen  Sie mit?

Ich seh, ich seh,

was auch du er-leben kannst!


 

BITTE

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
Wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

 

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

 

Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blume sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden 

 

und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.  

 

Hilde Domin

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