SIEGEN

Die Ankündigung einer Radiosendung ließ mich innehalten: da war von einer Nation die Rede, die als Sieger aus einem Krieg hervorging. Und ich fragte mich, ob das tatsächlich möglich ist?

Können wir von Sieg sprechen, wenn davor Mord, Totschlag, Missbrauch von Macht und Menschen alltäglicher waren als gesicherte Mahlzeiten, Bildung für Kinder und Jugendliche, Respekt?

Kann es überhaupt nur dann zu einem Sieg kommen, wenn davor die Vernichtung steht?

Wann haben Sie zuletzt gesiegt und wie fühlten Sie sich danach?

EINSAM

 

Ein Sieg ist immer erkämpft, der Kontrahent erleidet definitionsbedingt eine Niederlage. Eine Schraube, die sich nach oben dreht, nach unten aushöhlt und kaum Fruchtbares hinter­lässt.

Wofür ist so ein Handeln erstrebenswert? Was bleibt durch dieses Streben zurück?

Wer auf diese Weise triumphiert, hat selten Gemeinschaft im Sinn - sie stört auf diesem Weg. Kollateralschäden? Part of the game! Das Reinigungspersonal dafür ist in den prognostizierten Kosten inkludiert.

Was, wenn der Schaden die natürliche Lebensgrundlage betrifft?

Was, wenn wir damit Wasser, Boden, Lebewesen bis hin zu uns selbst vergiften?

Was bleibt nach diesem Sieg?

 

GEMEINSAM

Im Herbst 2019 kursierte  das Video eines Läufers in den sozialen Medien, der seinen Gegner kurz vor dem Ziel zu Boden gehen sah. Ein leichter Lauf zum Sieg. Beinahe geschenkt.

Doch was tat Braima Suncar Dabo? Er greift seinem Mitstreiter ganz konkret unter die Arme und bewegt sich in dessen Tempo über die Ziellinie. Auch wenn ich es jetzt beschreibe, rührt mich diese Szene. Der Gegner wird zum Bruder, zum Gegenüber, zum Teil des Selbst. Das Preisgeld des Sieges verliert augenblicklich seinen Wert. Nebenbei bemerkt: das Regelwerk des Weltverbandes IAAF disqualifizierte Jonathan Busby wegen unerlaubter 'körperlicher Unterstützung' durch Dabo.

Ein anderes Beispiel: In diesem Jahr kostete es mich mehr Überwindung als üblich, die Haus-sammlung im Namen der Caritas anzugehen. Es bedeutet, von Tür zu Tür zu gehen, um Geld zu bitten. Es bedeutet jedes Mal auch, diese Zeit für Menschen zu investieren, die diese Unterstützung dringend brauchen und erstaunliche Begegnungen wie folgende zu erleben: Ich läute an einer Tür, wo keineswegs gewiss ist, ob der Verwendungszweck Spende Anklang findet. Die erste Reaktion verspricht keinen Erfolg.

Doch die jungen Ohren des interessierten Teenagers wollen hören, was seine Eltern hier gerade ablehnen. Ich lasse ihn wissen, wer damit unterstützt wird. Sein 'Da MÜSSEN wir was geben!' klingt nicht nach Vielleicht, sondern Entschiedenheit: er investiert die Hälfte seines Taschengeldes - mit strahlenden Augen.

 

Was fühlen Sie jetzt?

Ist solches Handeln nachahmenswert?

Wie wollten Sie in einer vergleichbaren Situation entscheiden?

 

Keine Frage: solche Entscheidungen sind nicht immer leicht. Der erste Eindruck könnte uns das Los der Niete zuteilen - wer verliert schon gerne, egal ob im WM-Stadion oder Taschen-Geld. Doch was zählt wirklich und auf Dauer?

Wovon ist der Läufer inspiriert? Was veranlasst den Jugendlichen, mit seiner Spende auf einiges zu verzichten, was er sich damit leisten hätte können?

Beide waren nicht dazu verpflichtet, tragen keinen Sieg davon.

 

Die Alternative zum Sieg kann nicht lauten, wir sollten kein Ziel mehr anstreben, wir dürften nicht mit Freude im eigenen Umfeld investieren, wir müssten uns das Überholen anderer verbieten. Keineswegs. Weder Selbstgerechtigkeit noch Unterwürfigkeit bringen uns in einem guten Sinn voran. Doch:

Wir können zu einem ehrlichen, standhaften Gegenüber wachsen.

Wir können entscheiden, in wessen Namen wir handeln wollen.

Wir können auf unser Herz hören, unseren Verstand bedienen und uns verantwortet engagieren.

 

Ich möchte an dieser Stelle gerne den Schriftsteller Dzevad Karahasan zitieren (gehört am 28.08.2020 in Ö1)

'Geschichte schreiben die Sieger.

Literatur aber schreiben Leute, die diese Geschichte gelebt haben.

Literatur schreiben die Leute, die die Erinnerung an das Erlebte bewahrt haben.

Literatur schreiben die Leute, die einfach geliebt, gelebt, gefürchtet, geträumt haben.'

 

Schreiben wir die Geschichte der Sieger

oder leben wir mit Liebe, Angst und Träumen

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